1 August 2026

Leistungsdruck als Unternehmer verstehen und lösen

Person mit Gepäck zieht einen beladenen Packesel einen Weg entlang – Sinnbild für Leistungsdruck und die Last, die Unternehmer oft allein tragen

Ein Unternehmer, mit dem ich vor einiger Zeit gearbeitet habe, hat mir eine Szene beschrieben, die mir seither oft einfällt. Er stand morgens um sechs vor seiner Werkshalle, der Nebel lag noch über dem Parkplatz, und er wusste bereits, bevor er die Tür aufgeschlossen hatte, welche drei Probleme ihn erwarten würden. Ein Kunde, der seine Zahlung verzögert. Ein Mitarbeiter, der kurzfristig ausgefallen ist. Eine Maschine, die seit Tagen streikt. Er sagte mir: "Ich habe das Gefühl, ich trage einen Rucksack, der jeden Tag ein bisschen schwerer wird, und ich habe nie die Gelegenheit, ihn abzusetzen."

Dieses Bild trifft etwas, das die meisten Unternehmerinnen und Unternehmer kennen. Man führt nicht einfach ein Geschäft, man trägt es. Man ist verantwortlich für Umsatz, für Mitarbeiter, für Kunden, für die eigene Familie, die vom Erfolg des Betriebs mitabhängt. Und anders als in einer Festanstellung gibt es keinen Feierabend, an dem die Verantwortung bei jemand anderem abgegeben wird. Sie bleibt. Auch nachts. Auch am Wochenende. Auch im Urlaub, wenn das Handy doch wieder aus der Tasche geholt wird.

Warum Druck zunächst hilft – und wann er zur Falle wird

Leistungsdruck ist nicht grundsätzlich schädlich. Das zeigt das Yerkes-Dodson-Gesetz, ein über hundert Jahre altes, gut belegtes Prinzip der Leistungspsychologie: Ein gewisses Maß an Anspannung steigert die Leistungsfähigkeit. Ohne jeden Druck gibt es keine Dringlichkeit, keine Fokussierung, keinen Antrieb, morgens früh aufzustehen und die Halle aufzuschließen. Das Problem beginnt dort, wo die Kurve kippt. Steigt die Anspannung über ein individuelles Maß hinaus, sinkt die Leistungsfähigkeit wieder – und zwar nicht langsam, sondern oft überraschend schnell. Entscheidungen werden schlechter, die Wahrnehmung verengt sich, man reagiert nur noch, statt zu gestalten.

Aus meiner Erfahrung als frühere Führungskraft im Maschinenbau kenne ich diesen Kipppunkt gut. Man merkt ihn selten im Moment selbst. Man merkt ihn später, wenn eine Entscheidung sich als überhastet erweist, wenn ein Konflikt im Team eskaliert ist, der bei klarem Kopf leicht zu lösen gewesen wäre, oder wenn der Körper irgendwann die Reißleine zieht: Schlafstörungen, Verspannungen, ständige Gereiztheit.

Hier hilft ein Blick auf die Polyvagal-Theorie von Stephen Porges. Vereinfacht gesagt beschreibt sie, wie unser Nervensystem auf Belastung reagiert. Solange wir uns – bewusst oder unbewusst – sicher fühlen, bleiben wir handlungsfähig, kreativ, verbunden mit anderen Menschen. Steigt die wahrgenommene Bedrohung, wechselt der Körper in einen Kampf-oder-Flucht-Modus: hohe Anspannung, Tunnelblick, Reizbarkeit. Hält dieser Zustand zu lange an, kann das Nervensystem in eine Art Erstarrung kippen – man funktioniert zwar noch, aber ohne echte Energie, wie im Autopiloten. Viele Unternehmer, die ich begleite, beschreiben genau diesen Zustand, wenn sie von "Ausgebranntsein" sprechen: nicht der dramatische Zusammenbruch, sondern ein schleichendes Leerlaufen.

Der entscheidende Punkt dabei: Das Nervensystem unterscheidet nicht zuverlässig zwischen einer echten Bedrohung – etwa einer existenziellen Krise des Betriebs – und einer dauerhaften Alltagsbelastung wie einem vollen Terminkalender. Beides kann denselben Alarmzustand auslösen. Und wenn dieser Alarmzustand zum Dauerzustand wird, zahlt man langfristig einen hohen Preis, gesundheitlich wie unternehmerisch.

Woher der Druck bei Unternehmern wirklich kommt

Wenn ich mit Unternehmern arbeite, zeigt sich fast immer, dass der Druck aus mehreren Quellen gleichzeitig kommt, die sich gegenseitig verstärken:

Erstens die reale wirtschaftliche Verantwortung – Liquidität, Aufträge, Personal. Zweitens die Rolle als Vorbild und Ansprechpartner für das ganze Team, die kaum Raum für eigene Unsicherheit lässt. Drittens, und das wird oft unterschätzt, die eigene Identität. Hans Petzold beschreibt in seinem Modell der fünf Säulen der Identität, dass unser inneres Gleichgewicht auf mehreren Standbeinen ruht: Körperlichkeit, soziale Beziehungen, Arbeit und Leistung, materielle Sicherheit sowie Werte und Sinn. Bei vielen Unternehmern hat sich über Jahre eine einzige Säule verdickt – die der Arbeit – während die anderen vier dünner geworden sind. Das eigene Wohlbefinden hängt dann fast vollständig am Erfolg des Betriebs. Ein schlechter Monat wird nicht mehr als wirtschaftliches Ereignis erlebt, sondern als persönliche Bedrohung.

Das ist der Grund, warum reine Zeitmanagement-Tipps bei echtem Leistungsdruck selten nachhaltig wirken. Sie behandeln ein Symptom, nicht die Wurzel. Wer sein Selbstwertgefühl fast ausschließlich aus der Firma bezieht, wird auch mit einem perfekt organisierten Kalender weiter unter Dauerspannung stehen.

Ein Beispiel aus der Praxis: Eine Unternehmerin, Mitte vierzig, führt einen kleinen Betrieb im produzierenden Gewerbe mit vierzehn Mitarbeitenden. In unserem ersten Gespräch beschrieb sie ihren Alltag als "eine ständige Feuerwehrübung". Bei genauerem Hinsehen zeigte sich: Es gab durchaus Tage ohne akute Krisen. Aber sie selbst konnte diese ruhigeren Phasen nicht mehr als solche wahrnehmen, weil ihr Nervensystem dauerhaft auf Alarm gestellt war. Die eigentliche Arbeit lag nicht darin, weniger Aufgaben zu haben, sondern wieder lernen zu können, einen ruhigen Moment auch als ruhig zu erleben. Das ist keine Frage der Organisation, sondern der Regulation.

Was tatsächlich hilft: kleine, konsequente Schritte

Die gute Nachricht: Man muss dafür nicht das Unternehmen umbauen oder ein halbes Jahr Auszeit nehmen. Wirksame Veränderung beginnt fast immer im Kleinen – ähnlich wie beim Laufen in den Bergen. Niemand erreicht den Gipfel, indem er in einem Sprint startet. Man findet einen Rhythmus, der über Stunden trägt, passt das Tempo an die Steigung an und legt bewusst Pausen ein, bevor der Körper sie erzwingt.

Ein paar konkrete Ansatzpunkte, die sich in der Praxis bewährt haben:

Erholung planen statt hoffen, dass sie sich ergibt. Mit BioTimeBoxing lassen sich feste Zeitfenster für Erholung genauso verbindlich in den Kalender eintragen wie ein Kundentermin. Nicht als vage Absicht, sondern als konkreter Block – zwanzig Minuten Spaziergang, ein Lauf am frühen Morgen, eine bewusste Pause ohne Handy. Der Körper unterscheidet dabei nicht zwischen "wichtig" und "unwichtig" im Kalendersinn, sondern reagiert auf das, was tatsächlich stattfindet.

Den eigenen Belastungszustand wahrnehmen lernen. Wer misst, wie sein Körper auf Stress reagiert – etwa über die Herzratenvariabilität –, gewinnt eine objektive Rückmeldung, wann er sich dem Kipppunkt der Yerkes-Dodson-Kurve nähert. Das ersetzt kein Bauchgefühl, ergänzt es aber um einen Wert, der sich nicht schönreden lässt.

Verantwortung teilen, nicht nur delegieren. Viele Unternehmer delegieren Aufgaben, behalten aber die volle gedankliche Verantwortung dafür. Echte Entlastung entsteht erst, wenn Mitarbeitende auch die Entscheidungsbefugnis bekommen – und damit die Erlaubnis, eigene Fehler zu machen. Das ist unbequem, aber es ist der einzige Weg, aus der Position des Einzelkämpfers herauszukommen.

Die anderen vier Säulen bewusst pflegen. Ein festes Zeitfenster für Familie, ein Training, das nichts mit der Firma zu tun hat, eine Frage nach dem eigenen Sinn jenseits der Bilanz – das sind keine Nebensächlichkeiten, sondern die Basis dafür, dass ein schlechter Geschäftsmonat nicht sofort zur persönlichen Krise wird.

Die E.W.I.R.K-Methode als Orientierung nutzen, um in konkreten Drucksituationen nicht impulsiv, sondern reflektiert zu handeln: erkennen, was tatsächlich passiert, statt in der ersten Reaktion zu verharren, wahrnehmen, was der Situation angemessen ist, innehalten, bevor man reagiert, reflektieren, welche Reaktion wirklich zielführend ist, und erst dann handeln. Dieser kurze Zwischenschritt – oft nur wenige Atemzüge lang – macht in der Praxis einen erheblichen Unterschied, gerade in hitzigen Momenten mit Kunden oder im Team.

Regelmäßig einen Blick von außen einholen. Wer täglich mitten im eigenen Betrieb steht, verliert zwangsläufig einen Teil der Distanz zu den eigenen Mustern. Ein fester Rahmen für Reflexion – sei es durch Supervision, kollegialen Austausch mit anderen Unternehmern oder ein regelmäßiges Coaching-Gespräch – wirkt dabei wie ein Aussichtspunkt am Wegrand. Man bleibt nicht stehen, aber man gewinnt für einen Moment den Überblick über die Strecke, die man tatsächlich geht, statt nur den nächsten Schritt vor Augen zu haben.

Keiner dieser Schritte verändert von heute auf morgen etwas. Aber wie bei einem Fluss, der sich über Jahre sein Bett gräbt, verändert konsequente Wiederholung mit der Zeit die Richtung. Selbstwirksamkeit – das Vertrauen, aus eigener Kraft etwas bewegen zu können – entsteht nicht durch einen einmaligen Kraftakt, sondern durch die wiederholte Erfahrung, dass die eigenen Schritte tatsächlich etwas verändern.

Auch das Team profitiert davon, wenn Unternehmerinnen und Unternehmer diesen Weg gehen. Führung überträgt sich, im Guten wie im Schlechten. Wer selbst dauerhaft im Alarmmodus arbeitet, gibt diese Anspannung fast unweigerlich an sein Umfeld weiter – über Tonfall, Ungeduld, das Gefühl, dass jederzeit etwas schiefgehen könnte. Umgekehrt gilt dasselbe: Eine Führungskraft, die auch unter Druck ruhig und klar bleibt, wird zum Ruhepunkt für das ganze Team. Nicht, weil sie weniger Verantwortung trägt, sondern weil sie gelernt hat, mit ihr in Kontakt zu bleiben, statt von ihr überrollt zu werden.

Wie stark sich der Druck einer Führungskraft auf das ganze Team überträgt, habe ich in einem eigenen Beitrag genauer beschrieben: Wenn der Druck von oben nach unten weitergegeben wird – Leistungsdruck in der Führungsrolle."

Ein Gedanke zum Weiterdenken

Wenn Sie das nächste Mal merken, dass der Rucksack schwerer wird, lohnt sich vielleicht folgende Frage: Trage ich diesen Druck, weil die Situation es objektiv erfordert – oder weil ich glaube, ihn tragen zu müssen, um wertvoll zu sein? Die Antwort darauf ist selten eindeutig, aber allein das Stellen der Frage schafft einen Moment Abstand. Und in diesem Moment liegt oft schon der erste Schritt.

Es geht nicht darum, den Druck vollständig verschwinden zu lassen – das wäre kein realistisches Versprechen. Es geht darum, ihn wieder auf ein Maß zu bringen, das trägt statt lähmt, und die eigene Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen. Vom Eigentlich – dem, was man eigentlich tun wollte, eigentlich vorhatte, eigentlich für sich klären wollte – in die Wirksamkeit zu kommen: nicht als großer Sprung, sondern als nächster, machbarer Schritt.

Mehr dazu, wie sich dieser Druck als Unternehmer aktiv gestalten statt nur aushalten lässt, finden Sie in einem vertiefenden Beitrag: Wenn der Druck zum ständigen Begleiter wird – Leistungsdruck als Unternehmer gestalten statt aushalten.

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